Gräfin Cosel

Am 17. Oktober 1680 kommt Anna Constantia von Brockdorff auf dem Gut Depenau in Holstein zur Welt. Sie entstammt einem alten Adelsgeschlecht. Hauslehrer vermitteln ihr eine breitgefächerte Erziehung und Bildung. In früher Jugend wird Constantia Hoffräulein im herzoglichen Schloss Gottorf bei Schleswig und später in Wolfenbüttel. Bereits in dieser Zeit lernt sie grundlegende politische Konflikte ihrer Zeit kennen. Außenpolitisch ist es die Neuordnung der Kräfteverhältnisse im Ostseeraum, die sich im Nordischen Krieg über 20 Jahre vollziehen wird. Innenpolitisch versuchen die Fürsten im Ringen um die absolute Macht den Adel zurückzudrängen. Eine Schwangerschaft Constantias beendet den achtjährigen Aufenthalt am Hof. Über den Vater und den Verbleib des Kindes ist nichts genaues bekannt. Nach der Schande des unehelichen Kindes ist der 12 Jahre ältere Geheime Rat und sächsische Obersteuerdirektor Adolf Magnus Gotthelf von Hoym eine standesgemäße Partie. Das Paar wird am 2. Juni 1703 in Depenau getraut. Sie werden zukünftig im elterlichen Haus auf der Kreuzgasse in Dresden wohnen. Die Ehe ist bereits nach kurzer Zeit zerrüttet. Im Januar 1705 reicht Hoym die Scheidung ein.Am 7. Dezember 1704 wird August der Starke bei einem Brand im Hause Hoym auf Constantia aufmerksam. Eine Mätressenschaft aber lehnt sie ab. Nach dem unehelichen Kind und einer gescheiterten Ehe ist es mit ihrer Auffassung von Stand und Ehre unvereinbar, nun auch noch Mätresse zu werden. Doch im August 1705 bezieht sie ein Haus auf dem Taschenberg, unmittelbar neben dem Schloss. Im Dezember erhält Constantia einen geheimen Vertrag, der sie als Gemahlin zur Linken des Königs erklärt. Der Kaiser erhebt sie im Februar 1706 in den Reichsgrafenstand. Die Gräfin Cosel steht als offizielle Mätresse an der Spitze der Hofordnung, über den Ministern. Sie ist sehr gut informiert, hat stets Zugang zum König und kann Entscheidungen beeinflussen. Über sieben Jahre begleitet sie den Kurfürsten und König bei den Alltäglichkeiten ebenso wie als Gesellschafterin bei Festlichkeiten oder auf seinen Feldzügen im Nordischen Krieg. Ihr werden außergewöhnliche Ehrungen zuteil. Die Polenpolitik des Königs hält die Gräfin Cosel für einen Fehler. Das sich abkühlende Verhältnis zwischen August und Constantia wird 1712 für die Öffentlichkeit ersichtlich. Höfische Intrigen und Gerüchte über einen bevorstehenden Sturz der Cosel hatte es bereits 1708 gegeben. Zur Durchsetzung der Polenpolitik des Königs gewinnt eine neue polnische Mätresse an Bedeutung. Für jeden sichtbar ist der Bruch August des Starken mit der Gräfin Cosel im Dezember 1713. Ein vom König zwei Jahre später unterzeichnetes Papier regelt ihr weiteres Leben. Den Ehevertrag verlangt er zurück. Um ihn zu beschaffen, reist die Cosel im Dezember 1715 nach Berlin. Ihre Feinde sehen darin eine Flucht ins Ausland, denn sie durfte Pillnitz nicht verlassen. Die Gräfin hat Kenntnisse von Staatsgeheimnissen und Preußen ist ein politischer Gegner. Der König befiehlt ihr mehrmals nach Sachsen zurückzukehren, doch sie widersetzt sich. Unglückliche Umstände hindern sie an der Erlangung des Dokuments. Von Halle aus versucht sie auf der Leipziger Messe Geld zu beschaffen. Durch direkte Verhandlungen August des Starken mit dem König von Preußen wird die Gräfin Cosel in Arrest genommen und am 21. November 1716 an Sachsen ausgeliefert. König August II. wünscht, dass sie ehrenhaft behandelt wird. Keiner ahnt, dass sie eine lebenslange Gefangenschaft auf der Veste Stolpen erwartet. 49 Jahre Aufenthalt auf Stolpen, die Gräfin Cosel hält einen (einsamen) Rekord. Keine Person der 800-jährigen Burggeschichte hat sich länger auf Stolpen aufgehalten. Fünf Festungskommandanten hat sie Kommen und Gehen sehen. Die Legende sagt, die Cosel hätte nach dem Tod Augusts des Starken frei kommen können. Die Gefangene überlebte selbst den Sohn Augusts des Starken um zwei Jahre. Die Gemäuer der Veste Stolpen hat sie auch mit ihrem Tod nicht mehr verlassen. Heute avanciert die Gräfin Cosel, nicht zuletzt durch ihr außerordentliches Schicksal, zur bekanntesten weiblichen Person der sächsischen Geschichte. Sie ist die Frau schlechthin an der Seite Augusts des Starken. Die Gräfin Cosel ist zu einer Symbolfigur sächsischer Geschichte geworden. Mit ihrem anrührenden Schicksal wird eine große Epoche, über die historischen Fakten hinausgehend, auch emotional erfahrbar.